Spielhimmel


von Anna

Montag · 21. September, 2015

Jogi Neufeld setzt sich in der Ausstellung 2051: Smart Life in the City mit dem Stadion der Zukunft auseinander. Wie er sich den Ort des Brot & Spiels der Zukunft vorstellt, hat Anna bei einem Besuch in seinem SUBOTRON Shop im MuseumsQuartier Wien erfahren.

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Anna besuchte Jogi in seinem SUBOTRON Shop im Wiener MuseumsQuartier (cc) dieKulturvermittlung

Anna: Was ist SUBOTRON?

Jogi: SUBOTRON ist eine Plattform für digitale Spielkultur. Als wir vor 11 Jahren aufgesperrt haben, hat es keine Indie-Szene in der Games-Branche gegeben. Ich vergleiche das immer gerne mit der Musikbranche, wo es am Anfang auch nur die großen Labels gegeben hat, bis der Punk Raum für DIY schaffte. Und das Gleiche ist in der Games-Branche passiert. Die Produktion wurde so demokratisiert, dass jetzt alle Teil der globalen Familie werden können. Auch ohne Vorbildung kann man mit gratis Online-Tools Spiele entwickeln und seinen künstlerischen Ausdruck manifestieren. Meiner Meinung nach ist jetzt gerade die spannendste Zeit. Jetzt fangen die Leute an, auch über ernste Themen wie etwa Flucht, Geschlechtsumwandlung oder Depression, Spiele zu machen. Im Gegensatz zum Buch oder Film, wo man passiv die Geschichte aufnimmt, kann man beim Game durch die Interaktivität viel besser verstehen lernen, was ein anderer Mensch ausdrückt. Und darum möchte ich bei der Entwicklung der Games-Branche vorne dabei sein.

Refugee Mario: Die Flucht als Spiel

Anna: Wie kam es eigentlich zu dieser Plattform für digitale Spielkultur?

Jogi: Ich habe immer schon Dinge gesammelt, da bin ich familiär vorbelastet. Auf einem Flohmarktstreifzug Mitte der 90er Jahre, wo ich eigentlich Schallplatten gesucht habe, fand ich das Game & Watch meiner Kindheit wieder. Das ist nicht nur vom Spiel her, sondern auch vom Design und von der Kulturgeschichte ein Artefakt. An diesem Tag habe ich angefangen, Games zu sammeln. Der nächste Schritt war eine Onlinehandelsplattform, wo ich herausgefunden habe, was es auf der Welt sonst noch alles gab und gibt. Zu diesem Zeitpunkt war das Kulturgut Games noch gar nicht im Fokus. Und dann habe ich alles zusammengesammelt, bis es Zuhause geheißen hat, dass das Zeug weg muss. Zufälligerweise habe ich damals den Kurator des Quartier21 kennengelernt und ihm aus dem Blauen heraus vorgeschlagen, einen kleinen Shoptreffpunkt für Computerspielgeschichte im MuseumsQuartier einzurichten. Kurze Zeit später ist dort wirklich Raum frei geworden. Ich  habe meinen Kombi befüllt, bin her gefahren und aufgesperrt: ohne Business Plan oder irgendeiner Idee. Am Anfang wollte ich nichts verkaufen, weil das alles meine Schätze waren. Dass das so nicht geht, habe ich dann gemerkt – man muss ja auch Miete zahlen.

2005 haben wir einen Verein gegründet und angefangen, Vorträge zu künstlerischen, wissenschaftlichen und sozialpolitischen Themen zu organisieren. SUBOTRON ist organisch weitergewachsen und wir sind dann immer mehr Kooperationen mit anderen kulturellen Institutionen eingegangen. Vor 4 Jahren haben wir dann eine Kooperation mit der Wirtschaftskammer angefangen. Seitdem organisieren wir auch rein wirtschaftliche Themen, um den lokalen Branchennachwuchs zu fördern: Wie komme ich in die Branche rein, wie gründe ich eine Firma, wir kann ich mein Game finanzieren, produzieren, vermarkten und dergleichen. Wir sind im MuseumsQuartier der nierderschwellige Dreh- und Angelpunkt für alle Games-Aktivitäten und bieten einen ersten Einblick in die Kulturgeschichte der Games. Dass sie wie die Altmedien Bücher und Filme auch künstlerisch – und im Zusammenhang mit der Ausstellung natürlich auch gesellschaftspolitisch – relevant sind, wollen wir zeigen.

Anna: Warum der Name SUBOTRON? Heißt das überhaupt etwas?

Nein, SUBOTRON ist ein erfundener Name und eine eigene Marke. Ich habe lange einen wöchentlichen Club im Flex gemacht, der SUB geheißen hat, und als das aufgehört hat und ich den Shop aufgesperrt habe, wollte ich das nicht ganz verlieren. Wie es dann genau entstanden ist, weiß ich nicht mehr, aber „-TRON“ assoziiere ich immer mit etwas Elektrischem und das „O“ verbindet die zwei Wörter. Außerdem habe ich den Film TRON immer super gefunden.

Anna: Warum ist deine Sammelleidenschaft familiär vorbelastet?

Jogi: Mein Großvater war Marken- und Münzenhändler sowie Aktionator und mein Vater hat alte Musikinstrumente gesammelt und gespielt. In jeder Wohnung sind immer irgendwelche Vitrinen herumgestanden, wo man nichts angreifen durfte.

Anna: Du bist also in einem Museum groß geworden (lacht).

Jogi: Nein, Museum war das nicht, aber es hat halt Kästen gegeben, wo schöne Dinge drinnen waren. Ich war immer von Kunst umgeben. Ich habe mich mehr für die Form als für den Inhalt interessiert: die Ästhetik, das Design, das Material.

Anna: Entwickelst du auch selbst Spiele?

Jogi: Nein, ich habe zwar Basics in der Schule gelernt, aber gehasst. Das war mein Zugang zum Programmieren bzw. mein Nicht-Zugang. Nach der Schule hat mich nur Musik interessiert und ich habe viele Jahre lang Clubs betrieben und war lange Zeit im Nachtleben unterwegs.

Anna: Du hast also wirklich beim Tun gelernt, also auch die Gründung deines Unternehmens.

Jogi: Ja genau, nur. Alles Learning by Doing, oder besser Learning by Failing. Ich bin in die Schule des Lebens gegangen.

Anna: Du behandelst ja in der Ausstellung 2051: Smart Life in the City das Stadion der Zukunft. Wie schaut dieses deiner Ansicht nach aus?

Jogi: Im Stadion findet man Brot und Spiele. Es ist der Ort, wo viele Menschen zusammenkommen, um passiv oder aktiv gegeneinander anzutreten. Wir beschäftigen uns mit der digitalen Version des Stadions. Und die geht weit über das kompetitive Spielen hinaus. Im Stadion der Zukunft wird viel gemeinsam gespielt. Die neueste Games-Technologie ist immer mit einem spielerischen Ansatz entwickelt worden. Lösungswege werden durch Experimentieren gefunden, so wie es klassisch in einem Spiel ist. Dass verschiedene Wege zum Ziel führen, wollen wir ausweiten und damit die Stadt bespielen. Es gibt etwa immer mehr Augmented-Reality-Spiele, bei denen das Digitale und und das Analoge im Realraum verschmelzen. Das Digitale erweitert den Realraum um eine oder mehrere Ebenen. Das wollen wir bei unserer Veranstaltung Spielhimmel am Siebenbrunnenplatz zeigen. Der Spielhimmel hat bereits im Juni das erste Mal stattgefunden und wird am 26.09.2015 zwischen 12 und 22 Uhr wieder dort sein. Wir wollen zu den Leuten hinausgehen und vor Ort zeigen, dass es einen Unterschied zw. Gambling und Gaming gibt. Der Siebenbrunnenplatz befindet sich bei der Reinprechtsdorfer Straße, wo eine Wiener Gambling-Meile ihren Hotspot hat. Ursprünglich wollten wir in ein leerstehendes Wettlokal rein, aber da wollte uns niemand reinlassen.

Anna: Welche Spiele sind im Spielhimmel zu finden?

Jogi: Wir haben einige Multi-Player-Spiele, aber auch lokale Spiele mit sozialen Themen. Bei einem spielt man einen Polizisten, der eine Pizzeria stürmen muss.

Anna: Pizzeria Anarchia.

Jogi: Genau, aus ehemaligen aktuellen Anlass. Bei einem zweiten ist man ein Vogel, der in den Alpen lebt und Rätsel und Mysterien aufdecken muss. Beim zweiten Spielhimmel wird außerdem ein neues Spiel dabei sein, wo man eine Komponistin Anfang des 20. Jh. in Wien bzw. in der Semmeringer Region spielt, die künstlerische Inspiration sucht. Diese spannende Zeit, die zwischen 1910-1913 in Wien stattgefunden hat, kann nachgespielt und nacherlebt werden. Wir haben auch Special Guests, die nicht direkt Spiele machen wie z.B. Tagtool. Das ist eine Software für iPads mit der man auf dem Beamer live malen und Grafiken machen und bearbeiten kann, also interaktive Kunst im weiteren Sinn. So möchten wir allen, die dort extra oder zufällig hinkommen, zeigen, was Spiele sein können.

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Vertieft im Multi-Player-Spiel im Spielhimmel am 13.06.2015 (cc) SUBOTRON

Anna: Und welches Brot bietet der Spielhimmel an?

Jogi: Wir bieten nur Spiele an. Das Brot kann man sich in den Lokalen rundherum holen und so können die auch von unseren Aufbauten mitnaschen.

Anna: Wer hat den ersten Spielhimmel besucht?

Jogi: Die BesucherInnen waren bunt gemischt:  Neben den Auskenner-Nerds, die ihr Halbwissen allen unter die Nase gerieben haben und dem erweiteten Freundeskreis sind viele Leute zufällig vorbeigekommen. Von Gangster-Jungs auf ihren Fahrrädern bis hin zur Hofratswitwe, die auf dem Markt einkaufen war und geschaut hat, was die Jungen da für wilde Sachen machen. Das Spiel verbindet eben.

Anna: Es war also ein voller Erfolg?

Jogi: Das kann man sagen. Es war extrem heiß, das hat denk ich ein paar Leute abgehalten. Aber ja, wir haben das erreicht, was wir wollten: Ganz vielen Menschen zeigen, was Games heutzutage alles können und was die Inhalte sind.

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Viele, die beim ersten Spielhimmel vorbeigingen, blieben stehen. Einige sogar picken bzw. kamen zurück. (cc) SUBOTRON

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Beim Ausprobieren eines Augmented-Reality-Spiels von Sportfriends im ersten Spielhimmel (cc) SUBOTRON

Anna: Was kann ich von deinem Projekt lernen?

Jogi: Im konkreten Ausstellungskontext kannst du lernen, dass man die Stadt bespielen kann und spielerisch Ideen entwickeln kann. Durch ein Spiel kannst du ungefährlich Dinge ausprobieren, ohne, dass sie definitive Auswirkungen haben. Du kannst digital eine Stadt bauen, wie du sie dir vorstellst: mit all ihrer Infrastruktur und ihren Dienstleistungen. Und dann kannst du schauen, wie das funktioniert, herumschieben und verändern. Ein gutes Stichwort dazu wäre Realraumlego. ArchitektInnenen arbeiten diesbezüglich immer mehr mit Games-Menschen zusammen. Es gibt z.B. Studierende der TU Wien, die in Minecraft Wien inklusive dem Kanalsystem nachbauen.  Zusammen mit Wien Kanal haben wir hier im MuseumsQuartier am 25.09.2015 um 19:00 einen Vortrag darüber.

Anna: Was hast du von deinem Projekt gelernt?

Jogi: Dadurch, dass ich nicht so wirklich der Teamplayer bin, habe ich gelernt, welche Vorteile es hat, wenn man zusammenarbeitet und zusammenspielt.

Anna: Welche Vorteile sind das?

Jogi: Man kommt auf Ideen, auf die man alleine nicht gekommen wäre. Man lernt sein Ego hinten anzustellen und man lernt, wie andere Menschen eine Herausforderung angehen. Da kann man sich was abschauen.

Anna: Die berühmten letzten Worte.

Jogi: So wie bei Büchern und bei Filmen gibt es gute und schlechte Spiele. Man sollte auch in Bezug auf Games differenzierter an die Sache herangehen.

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Jogi Neufeld ist Computerspielexperte und Gründer von SUBOTRON, eine Anlaufstelle und Treffpunkt zur Förderung des theoretischen und praktischen Diskurses über digitale Spiele. Er hat die österreichische Games-Branche entscheidend mitgeprägt.

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Die Ausstellung 2051: Smart Life in the City findet im Rahmen der Vienna Biennale des MAK statt und wurde vom MAK und der Wirtschaftsagentur Wien, Kreativzentrum departure organisiert. Sie läuft noch bis zum 4. Oktober 2015.

2051: Smart Life in the City

Neben dem Stadion sind folgende visionäre Projekte in Wien zu finden:

die Schule,

die Bank,

die Fabrik,

das Krankenhaus,

das Einkaufszentrum

das Hotel,

die Straße,

die Wohnung,

und der Freiraum.

Kuratoren der Ausstellung 2051: Smart Life in the City:

  • Harald Gründl (Co-Partner, EOOS; Institutsvorstand, IDRV – Institute of Design Research Vienna)
  • Thomas Geisler (Kustode MAK – Sammlung Design)

KuratorInnen der Vienna Biennale:

  • Pedro Gadanho (Kurator für zeitgenössische Architektur am Museum of Modern Art, New York)
  • Harald Gründl (Co-Partner, EOOS; Institutsvorstand, IDRV – Institute of Design Research Vienna)
  • Maria Lind (Direktorin, Tensta Konsthall, Stockholm)
  • Peter Weibel (Vorstand, ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe; Ordentlicher Professor, Universität für angewandte Kunst Wien)

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Anna und Adrien von dieKulturvermittlung machen beim #openschoool-Experiment mit. Deshalb wird dieser Artikel auf dieKulturvermittlung und im Blog der #openschoool veröffentlicht.



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