Sonnwendviertel


von Anna

Dienstag · 27. Oktober, 2015

Der Architekt Klaus Kada hat sich im Rahmen der Ausstellung 2051: Smart Life in the City mit der Wohnung der Zukunft beschäftigt und diese schon jetzt im Sonnwendviertel im 10. Wiener Gemeindebezirk realisiert. Anna traf sich mit Klaus im stilwerk, wo bis zum 4. Oktober 2015 ein Nachbau dieser Wohnung zu finden war.

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Klaus Kada bei einer departure-Tour des MAK durch den Wohnungsnachbau im stilwerk (cc) dieKulturvermittlung

Anna: Wie wohnst du?

Klaus: Ganz einfach in einer Mietwohnung. Ich bin einer der Besitzlosen. Aber eigentlich wohne ich im Büro, da bin ich am Tag etwa 14 bis 16 Stunden. Auch am Samstag und am Sonntag bin ich dort. Und wenn ich nach Hause komme um wirklich zu wohnen, ist es meist schon so spät, dass ich gleich ins Bett gehe.

Anna: Du hast dich in der Ausstellung 2051: Smart Life in the City mit der Wohnung und wie wir in Zukunft wohnen werden beschäftigt. Wie könnte das ausschauen?

Klaus: Keine Ahnung wie die Zukunft wirklich ausschauen wird. Vielleicht braucht man dann keine Wohnungen mehr? Aber unser Ansatz war der, dass es in der momentanen Wohnsituation eine Bedarfssituation gibt. Die wird meist von irgendwelchen Personen bestimmt, die sich am allerwenigsten mit der Wohnung beschäftigen, sondern nur wie man sie billig bauen kann. Da ich von der Partizipation komme, war die Überlegung wie man Mietwohnungen so bauen kann, dass sie ungefähr den Wünschen und Bedürfnissen der Leute entsprechen. Denn wenn man zum Umbauen anfängt, dann muss man es selber zahlen und wenn man aus der Wohnung auszieht, muss man sie wieder rückbauen. Auch wenn der ursprüngliche Zustand der schlechtere war. Jetzt haben wir uns die Frage gestellt, wie sich die Wohnung an die Leute anpassen könnte, damit sich die Leute nicht an die Wohnung anpassen müssen.

Anna: Und welche Antwort habt ihr darauf gefunden?

Klaus: Die Idee war, mit einer relativ hohen Beweglichkeit zu bauen. Und diese Beweglichkeit ist uns mit beweglichen Schränken gelungen. Die Schränke sind quasi die Wände. Wenn ich ein Fest feiere, dann brauche ich mehr Platz und eine andere Möblierung und wenn die Schwiegermutter auf Besuch kommt, dann brauche ich Platz, wo ich sie unterbringen kann. Durch die beweglichen Wände kann die erforderte Raumsituation schnell realisiert werden.

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Der Architekt, die Wohnung und die Wand. Klaus Kada vor der beweglichen Wand in einer Wohnung im Sonnwendviertel, Filmstill (c) MAK

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Modell, welches veranschaulichen soll, wie sich die Wände in der Wohnung bewegen. Nicht alle Wände lassen sich bewegen: Die Wände der Küche und des Badezimmers sind fixe Elemente. (c) Klaus Kada

Anna: Sind die Wände schalldicht?

Klaus: Da die Schränke so hoch sind, sind sie mehr oder weniger so schalldicht wie die üblichen Wände.

Anna: Könnte man das auch nachbauen?

Klaus: Wenn man sich auskennt und sich anschaut wie es geht, kann man das. Es ist nichts anderes als ein Schrank mit Rädern.

Anna: Bewegt sich sonst noch etwas in der Wohnung?

Klaus: Nein, aber das reicht auch. Die Wohnung kann damit komplett anders ausschauen. Wenn die Wohnung ganz klein ist, hört sich diese Beweglichkeit natürlich auf oder wird zumindest vermindert. Ab 50 m2 hat man alle Möglichkeiten, wenn etwa die Familie größer oder kleiner wird. Außerdem sind diese Schränke von vornherein in der Wohnung. Das heißt, dass man sich das Möbelstück nicht erst kaufen muss, sondern gleich benutzen kann. Da die Wohnungen klein sind, haben wir uns gleichzeitig überlegt, dass man rundherum ein gutes Angebot braucht. Im Sonnwendviertel gibt es u.a. eine Gemeinschaftsküche, einen Musikraum, ein Theater, ein Kino, eine Kletterhalle und ein Schwimmbad mit 1000 m2. Dort können auch andere baden kommen. Organisiert wird das alles von einem Facility Manager – auf Deutsch Hausmeister.

Anna: Wie viele Wohnungen wurden im Sonnwendviertel von dir geplant?

Klaus: Das gesamte Projekt beinhaltet zwischen 400 bis 450 Wohnungen, die von drei Architekturbüros und dem Bauträger win4wien geplant wurden. Etwa ein Drittel davon sind von mir. Es gibt ein unglaublich reiches Angebot an differenzierten Wohn- und Bedürfnissituationen, damit sich alte und junge Leute vermischen. Aber meist sind die Jungen drin, weil eher junge Menschen Wohnungen suchen. Trotzdem sind auch ältere Personen ganz begeistert von diesem Modell. Wo ich sage, dass die eher das Gewohnte bevorzugen.

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Die Wohnungsanlage im Sonnwendviertel (c) Gerhard Hagen

Anna: Wie viel kostet so eine Wohnung?

Klaus: Das weiß ich nicht genau. Was man halt für einen sozialen Wohnbau in Wien zahlen muss.

Anna: Sind alle Wohnungen vergeben?

Klaus: Die sind alle vergeben.

Anna: Was hat dich zu diesem Projekt inspiriert?

Klaus: Eigentlich wollte ich keine Wohnungen mehr bauen, weil ich den normalen Wohnungsmarkt eh nicht bewegen kann. Innovationen haben da fast keinen Platz, sondern nur die kapitalorientierte Schiene. Alle wollen Geld verdienen und das geht beim sozialen Wohnungsbau schwer. Da versucht man jede Tür zu finden. Das hat mich dazu gebracht, mich wieder mit der Wohnung zu beschäftigen. Und auch die Tatsache, gemeinsam mit dem Bauträger am Wettbewerb teilzunehmen. Dann hat es geheißen, dass wir eine super Idee haben und dass man daran basteln muss. Jetzt steht das Ding und man kann es ausprobieren. Auch international sind alle neugierig wie das geht. Weil unsere Wohnung wirklich anders ist. Eine Mietwohnung, die so flexibel ist, dass sie an die Partizipationsidee herankommt.

Anna: Und dann hat dich das MAK eingeladen, bei der Ausstellung mitzumachen.

Klaus: Ja, da wir nicht wohnungs-, sondern städtebauraumorientiert an die Sache herangegangen sind. Der Raum, der dort entstanden ist, ist genauso ein Wohnraum für die Menschen, die in Favoriten leben. Wenn ich sage, dass ich im Sonnwendviertel zuhause bin, ist das eine super Adresse. Die Leute sind zufrieden und das ist wichtig. So kommt es zu keiner hohen Fluktuation. Und dazu kommt, dass die Leute besser auf ihre Wohnungen und ihr Umfeld aufpassen. Das ist keine total isolierte und anonyme Geschichte. Das Private vernetzt sich mit dem Öffentlichen. Es gibt verschiedene Quantitäten von Privatem und Öffentlichem und diese städtebauliche Struktur funktioniert vielleicht besser als das, was wir bis jetzt hatten.

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Der Wohnungsnachbau im stilwerk: Eigentlich waren Lichtschränke zur Veranschaulichung geplant. Da das Geld dafür nicht reichte, verwendete man stattdessen Kartons. (c) MAK/Nathan Murrell

Anna: Was kann ich von deinem Projekt lernen?

Klaus: Du kannst lernen, dass man nach Jahren in statischen Wohnbereichen jetzt auf einmal das Gefühl hat, frei und offen zu sein. Die ganze Wohnfläche ist auch als Loft nutzbar. Wenn man anfängt, die Wohnung als offenen Raum zu begreifen und den Begriff Raum einmal erwohnt hat, dann geht man sonst nirgendwo mehr anders hin.

Anna: Was hast du dabei gelernt?

Klaus: Dass man eine Vision übersetzen und durchsetzen kann. Eigentlich habe ich das schon vorher gewusst, aber bei diesem Projekt war es besonders schwierig.

Anna: Was gehört zum Abschluss noch gesagt?

Klaus: Mir ist es wichtig, den Leuten bewusst zu machen wie wertvoll Raum ist. Freiheit ist schön, aber nicht einfach.

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Klaus Kada ist Architekt und (Mit-) Inhaber von drei Architekturbüros in Österreich und Deutschland. Er war Universitätsprofessor an der RWTH Aachen sowie Gastprofessor an der TU München und der Hochschule für Künste.

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Die Ausstellung 2051: Smart Life in the City fand im Rahmen der Vienna Biennale des MAK statt und wurde vom MAK und der Wirtschaftsagentur Wien, Kreativzentrum departure organisiert. Sie lief vom 11. Juni bis zum 4. Oktober 2015.

2051: Smart Life in the City

Neben der Fabrik waren bzw. sind folgende visionäre Projekte in Wien zu finden:

die Schule,

die Bank,

die Fabrik,

das Krankenhaus,

das Einkaufszentrum

das Hotel,

die Straße,

das Stadion,

die Wohnung,

und der Freiraum.

Kuratoren der Ausstellung 2051: Smart Life in the City:

  • Harald Gründl (Co-Partner, EOOS; Institutsvorstand, IDRV – Institute of Design Research Vienna)
  • Thomas Geisler (Kustode MAK – Sammlung Design)

KuratorInnen der Vienna Biennale:

  • Pedro Gadanho (Kurator für zeitgenössische Architektur am Museum of Modern Art, New York)
  • Harald Gründl (Co-Partner, EOOS; Institutsvorstand, IDRV – Institute of Design Research Vienna)
  • Maria Lind (Direktorin, Tensta Konsthall, Stockholm)
  • Peter Weibel (Vorstand, ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe; Ordentlicher Professor, Universität für angewandte Kunst Wien)

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Anna und Adrien von dieKulturvermittlung machen beim #openschoool-Experiment mit. Deshalb wird dieser Artikel auf dieKulturvermittlung und im Blog der #openschoool veröffentlicht.



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